Ratgeber

Die Sache mit den Schlacken – Gewichtsverlust in der Stillzeit

Autor/in:
Simone Koch Dr. Simone Koch (Ärztin) Geprüft

geprüft von Sandy Bittner (Autoimmun-Expertin)
letzte Aktualisierung 12.02.2021

Bereits 59% aller Frauen in Deutschland sind übergewichtig. An der Entwicklung von langfristigem und deutlichem Übergewicht sind Schwangerschaft und Stillzeit oft als Schlüsselfaktoren beteiligt.

In Ernährungsanamnesen beginnt die Erzählung des Leidensweges oft mit: „Ich war eigentlich immer nur ein bisschen übergewichtig/normalgewichtig bis zum ersten Kind“ (Althuizen, van Poppel, de Vries, Seidell, & van Mechelen, 2011).

Die Schwangerschaft ist für jede Frau eine Zeit großer Veränderungen, die meist mit einem erheblichen Gewichtsanstieg einhergeht. Durch die völlig andere Stoffwechsellage ist der Körper darauf eingestimmt Reserven anzulegen und jedes bisschen aufgenommene Nährstoffe so gut wie möglich auszuwerten. Früher hat dieses Verhalten sehr viel Sinn gemacht, da die Frau Reserven brauchte, um in der Stillzeit sich und ihr Kind ausreichend versorgen zu können. Zu bedenken ist hierbei auch, dass die Stillzeit zu Beginn der Menschheitsgeschichte weit über den Zeitraum hinausging, der heute üblich ist. Untersuchungen an den Zähnen von Skeletten aus der Steinzeit haben ergeben, dass die Stillzeit bei ihnen etwa 2-5 Jahre betrug.

In dieser Zeit musste die Mutter gut versorgt sein, um nicht selbst Schaden zu nehmen, da ausreichend Nahrung nicht das ganze Jahr über zur Verfügung stand. In der heutigen Zeit des Überflusses werden die zusätzlichen Reserven jedoch nicht benötigt, um über die Runden zu kommen. Daher bleiben die Kilos oft hartnäckig und weit über die Stillzeit hinaus erhalten. Durchschnittlich haben Frauen am Ende einer Schwangerschaft ca. 4 Kilogramm mehr als vor dieser, weg vom Durchschnitt ist es in vielen Fällen deutlich mehr (Greene, Smiciklas-Wright, Scholl, & Karp, 1988; Parker, 1994). 

Diese Gewichtszunahme fällt schon bei einem Kind ins Gewicht, kann aber nach mehreren Schwangerschaften die Ursache für eine ernsthafte Adipositas sein. Betroffen sind hiervon vor allem Frauen, die in einer Schwangerschaft sehr viel zugenommen haben und dieses Gewicht nicht innerhalb von zwölf Monaten nach der Geburt des Kindes wieder los geworden sind (Althuizen et al., 2011). Das Risiko für lebenslanges Übergewicht ist hierdurch stark erhöht. In einer Studie aus Schweden, bei der übergewichtige Frauen befragt wurden, gaben 73 % an, dass eine Schwangerschaft entscheidenden Anteil an der erhöhten Gewichtszunahme hatte. Das Gewicht vor der Schwangerschaft war hierfür unerheblich (Crowell, 1995).

Die Reserven aus der Schwangerschaft in der Stillzeit wieder loszuwerden, ist also ein physiologischer und vom Körper vorgesehener Prozess (Crowell, 1995). Ein Problem hinsichtlich einer Abnahme ist die häufige Angst der stillenden Frau, und leider auch immer noch von Fachpersonal, die Gewichtsabnahme könnte dem Kind schaden oder zu einer verringerten Milchproduktion führen. Dieselben Bedenken gelten oft auch für Sport. Viele Frauen stillen ab, damit ihr Körper wieder ihnen gehört, auch mit dem Hintergrund sich nun endlich wieder der alten Figur annähern zu können.

Nach einer Studie aus dem Jahr 2000 waren Frauen, welche sechs Monate nach der Geburt ihr Vorschwangerschaftsgewicht noch nicht wieder erreicht hatten, fünf Jahre später im Durchschnitt 8,3 kg schwerer als die Vergleichsgruppe. Ein signifikant tieferes Risiko für Übergewicht hatten insgesamt stillende Frauen, die Diät hielten und Sport trieben (Devine, Bove, & Olson, 2000).

Dabei ist die Stillzeit eigentlich die ideale Zeit, um Gewicht zu verlieren. Stillen kostet Energie, sogar eine relativ große Menge. Solange die Frau voll stillt, wird die täglich zusätzlich verbrauchte Kalorienanzahl auf 635 kcal veranschlagt, später, beim partiellem Stillen, sind es immerhin noch 285 kcal pro Tag.

Dass jede stillende Frau Gewicht verliert, ist jedoch leider ein Mythos. Durch den erhöhten Energieverbrauch steigt auch der Appetit, und wenn keine negative Energiebilanz vorliegt, wird die Frau in der Stillzeit nicht abnehmen. Zudem denken viele Frauen, dass sie während der Stillzeit mehr oder zumindest genug essen müssen, um genügend Milch produzieren zu können und verhindern so wissentlich einen Gewichtsverlust (Neville, McKinley, Holmes, Spence, & Woodside, 2014; Olson, Strawderman, Hinton, & Pearson, 2003).

Im Allgemeinen arbeitet der Stoffwechsel einer stillenden Frau zunächst stark verlangsamt. Die Hormonlage entspricht jener in den Wechseljahren und es dauert, bis der Körper sich an die postpartale Situation angepasst hat. Der Körper ist bemüht mit so wenig wie möglich auszukommen, um die eventuell noch lebensnotwendigen Reserven nicht zu früh angreifen zu müssen. Vor allem in den ersten acht Wochen nach einer Geburt ist alles auf Regeneration eingestellt, und eine Gewichtsabnahme über das verlorenen Wasser und die Umbauprozesse hinaus sehr schwierig.

Aus diesem Grund, und weil diese ersten Wochen ganz dem Kennenlernen des Kindes dienen sollten, ist es ratsam frühestens nach dem Wochenbett eine Gewichtsabnahme anzustreben. Eine wesentliche Änderung der verlangsamten Stoffwechsellage tritt bei vielen Frauen erst nach Einführung von Beikost auf, da ab diesem Zeitpunkt die Stillhormone deutlich reduziert werden (Lee, Hwang, Liou, & Chien, 2011).

Betrachten wir aber nun die Angst der Mütter, eine Gewichtsabnahme in der Stillzeit könnte ihrem Kind schaden:

Die Grundzusammensetzung und der Energiegehalt der Muttermilch sind weitestgehend immer gleich und unabhängig von dem, was die Mutter zu sich nimmt. Daher ist es für die Mutter selbst extrem wichtig ausreichend Nährstoffe zu sich zu nehmen, da es ansonsten zu Mangelerscheinungen und Proteinabbau kommen kann. Eine eiweißreiche und nährstoffdichte Ernährung ist daher von Vorteil.

Eine kontrollierte und auf eine Gewichtsabnahme ausgelegte Ernährung erfüllt beide Kriterien meist hervorragend und weist zudem aufgrund der deutlich größeren Aufnahme an verschiedenen Gemüsen eine größere Nährstoffdichte auf als die oftmals vorherrschende Fastfood-Ernährung junger Mütter.

Nach dem Motto „schnell, schnell!“ werden oft den ganzen Tag nichts anderes als belegte Brote oder sogar nur Süßigkeiten konsumiert, da es am einfachsten ist diese schnell zwischendurch zu sich zu nehmen.

Auch wenn der Fettgehalt der Muttermilch konstant ist, hängt die Fettsäuren-Zusammensetzung davon ab, welche Fettsäuren die Mutter zu sich nimmt (Agostoni, 2001). Daher sollte besonders stark auf die ausreichende Aufnahme von essentiellen Fettsäuren geachtet werden. Da Omega 6-Fettsäuren in unserer Ernährung im Übermaß vorhanden sind und ihr Anteil in der Muttermilch in den letzten 50 Jahren besorgniserregend zugenommen hat, sollte hier das Augenmerk auf die Omega 3-Fettsäuren gelegt werden. Wer keinen fetten Seefisch essen mag oder sich fetten Seefisch aus biologischer Aquakultur oder Wildfang nicht leisten kann, sollte auf Omega 3-Kapseln zurückgreifen. Gleichzeitig sollte die Aufnahme von raffinierten Pflanzenölen so gering wie möglich gehalten werden (Dangat, Kale, & Joshi, 2011; „Dietary fish oil increases omega-3 long-chain polyunsaturated fatty acids in human milk,“ 1985).

Die Omega 3-Fettsäuren haben einen wesentlichen Anteil in der normalen neurologischen Entwicklung des Kindes. Zudem wirkt sich ein Übermaß an Omega 6-Fettsäuren negativ auf eine gesunde Funktion der Schilddrüse aus, und hat damit möglicherweise eine negative Auswirkung auf den Stoffwechsel des Kindes (Innis, Gilley, & Werker, 2001).

Da in der Standardernährung meist ein extremes Übermaß an Omega 6-Fettsäuren zu finden ist, ist hier ein weiterer Pluspunkt einer kontrollierten, optimierten Ernährung zu sehen.

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Die Angst dem Kind zu Schaden ist fast vollständig unbegründet. Die Natur schützt das neue Leben und gibt der Versorgung des Säuglings den Vorrang. Auch kurzfristiges Fasten ist absolut problemlos. Der Körper baut Glukose aus den Speichern ab und sichert damit die Energieversorgung von Mutter und Kind. Eine moderate Gewichtsabnahme in der Stillzeit beeinträchtigt in keiner Weise die Milchproduktion oder die Zusammensetzung und Qualität der Milch (Dusdieker, Hemingway, & Stumbo, 1994).

Hungerperioden und Phasen mit schlechter Verfügbarkeit bestimmter Nährstoffe kennzeichneten früher das Leben der Menschen, so dass die evolutionäre Auslese uns daran angepasst hat.

Dennoch ist es natürlich wichtig unter einer wie auch immer gearteten Ernährungsumstellung das Wachstum des Kindes zu beobachten. Bei der Mutter sollte auf eine maximale Gewichtsabnahme von durchschnittlich 500g pro Woche hingearbeitet werden.

Voraussetzung ist auf jeden Fall, dass keine Untergewichtigkeit vorliegen sollte. Eine Gewichtsabnahme unter einen normalen BMI sollte in der Stillzeit auf keinen Fall angestrebt werden. Unterernährung kann tatsächlich zu einer Verminderung der Milchmenge führen, um das Leben der Mutter zu schützen.

Auch wenn, wie bereits weiter oben erwähnt, die Menge an Fett in der Muttermilch stets gleich ist, variieren die Fettsäuren abhängig von dem, was die Mutter zu sich nimmt.

Als vor einigen Jahren der Schadstoffgehalt der Muttermilch untersucht wurde, geriet das Stillen plötzlich in Verruf. Vielen Frauen wurde dazu geraten nicht zu stillen, da dies ihr Kind vermehrt mit Schadstoffen belasten würde. Inzwischen ist man sich jedoch einig, dass die positiven Effekte des Stillens die geringe Schadstoffbelastung weit übertreffen.

Mit dieser Hypothese kam allerdings auch die Theorie auf, dass eine Gewichtsabnahme in der Stillzeit Schadstoffe aus dem Fettgewebe der Mutter freisetzen könnte, und damit der Schadstoffgehalt in der Muttermilch wiederum ansteigen könnte.

Abgesehen davon, dass jene Fettreserven, die in der Schwangerschaft angelegt wurden, meist erst jungen Alters sind und damit kaum eingelagerte Schadstoffe enthalten können, gibt es keine Studie, die diese Hypothese belegen konnte. Zum heutigen Zeitpunkt wurde nur eine einzige Studie zu diesem Thema durchgeführt. Das Ergebnis zeigte, dass eine Gewichtsabnahme in der Stillzeit zu keiner erhöhten Schadstoffbelastung in der Milch führte.

Dennoch sind einige Besonderheiten für eine Gewichtsabnahme in der Stillzeit zu beachten, um die Gesundheit der Mutter nicht zu gefährden.

Quellen:

Agostoni, C. (2001). Breast-feeding, human milk, long-chain polyunsaturated fatty acids and development. Dev Med Child Neurol Suppl, 86, 8-9.

Althuizen, E., van Poppel, M. N., de Vries, J. H., Seidell, J. C., & van Mechelen, W. (2011). Postpartum behaviour as predictor of weight change from before pregnancy to one year postpartum. BMC Public Health, 11, 165. doi: 10.1186/1471-2458-11-165

Crowell, D. T. (1995). Weight change in the postpartum period. A review of the literature. J Nurse Midwifery, 40(5), 418-423.

Dangat, K. D., Kale, A. A., & Joshi, S. R. (2011). Maternal supplementation of omega 3 fatty acids to micronutrient-imbalanced diet improves lactation in rat. Metabolism, 60(9), 1318-1324. doi: 10.1016/j.metabol.2011.02.001

Devine, C. M., Bove, C. F., & Olson, C. M. (2000). Continuity and change in women’s weight orientations and lifestyle practices through pregnancy and the postpartum period: the influence of life course trajectories and transitional events. Soc Sci Med, 50(4), 567-582.

Dietary fish oil increases omega-3 long-chain polyunsaturated fatty acids in human milk. (1985). Nutr Rev, 43(10), 302-303.

Dusdieker, L. B., Hemingway, D. L., & Stumbo, P. J. (1994). Is milk production impaired by dieting during lactation? Am J Clin Nutr, 59(4), 833-840.

Greene, G. W., Smiciklas-Wright, H., Scholl, T. O., & Karp, R. J. (1988). Postpartum weight change: how much of the weight gained in pregnancy will be lost after delivery? Obstet Gynecol, 71(5), 701-707.

Innis, S. M., Gilley, J., & Werker, J. (2001). Are human milk long-chain polyunsaturated fatty acids related to visual and neural development in breast-fed term infants? J Pediatr, 139(4), 532-538. doi: 10.1067/mpd.2001.118429

Lee, C. F., Hwang, F. M., Liou, Y. M., & Chien, L. Y. (2011). A preliminary study on the pattern of weight change from pregnancy to 6 months postpartum: a latent growth model approach. Int J Obes (Lond), 35(8), 1079-1086. doi: 10.1038/ijo.2010.225

Neville, C. E., McKinley, M. C., Holmes, V. A., Spence, D., & Woodside, J. V. (2014). The relationship between breastfeeding and postpartum weight change-a systematic review and critical evaluation. Int J Obes (Lond), 38(4), 577-590. doi: 10.1038/ijo.2013.132

Olson, C. M., Strawderman, M. S., Hinton, P. S., & Pearson, T. A. (2003). Gestational weight gain and postpartum behaviors associated with weight change from early pregnancy to 1 y postpartum. Int J Obes Relat Metab Disord, 27(1), 117-127. doi: 10.1038/sj.ijo.0802156

Parker, J. D. (1994). Postpartum weight change. Clin Obstet Gynecol, 37(3), 528-537.

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