Reverses T3 – die Geister die ich rief, wie werd ich sie nur los?

Dr. Simone Koch

Dr. Simone Koch

Expertin im Bereich der Autoimmunerkrankungen

Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir für die Schule den Zauberlehrling lernen mussten. Es war Frühling, so wie jetzt. Der Kirschbaum in unserem Garten stand in voller Blüte, und die Bienen summten um die Blüten herum. Ich saß zwischen den Zweigen des Baumes, wo ich völlig ungestört war, und lernte das Gedicht auswendig. Vielleicht waren diese optimalen, friedlichen Umstände dafür verantwortlich, dass ich das Gedicht noch heute fast vollständig beherrsche.

Auf jeden Fall musste ich bei der Eliminierung von rT3 (reversem T3) sofort an den Zauberlehrling denken.
In dem Gedicht von Goethe ruft der Zauberlehrling sich einen Gehilfen herbei, der ihm die Arbeit erleichtern und ihn vor Überlastung schützen soll. Einmal losgelassen ist dieser Gehilfe jedoch nicht mehr zu stoppen, sodass der Zauberlehrling schließlich in der Flut des, eigentlich zu seiner Entspannung gedachten, Wassers zu ertrinken droht.
Erst der heimkehrende Hexenmeister bereitet mit einem Machtwort dem Spuk ein Ende.

Beim reversen T3 verhält es sich ähnlich wie im Gedicht: Zunächst soll rT3 dem Körper helfen und ihn vor Überlastung schützen. Erst einmal da, besetzt es jedoch hartnäckig die Rezeptoren der Zellen und ist nur schwer wieder loszuwerden. Hält die Ursache für die Entstehung von rT3 an, so wird der Körper weiterhin damit überschwemmt und es wird für ihn schwierig, dieses wieder loszuwerden.

Die Worte der Macht:

1. Verdrängung vom T3-Rezeptor an den Zellen der Zielorgane durch kompetitive Hemmung (fast jede Zelle des Körpers hat Rezeptoren für Schilddrüse-Hormone).

Kompetitive Hemmung lässt sich gut am folgenden Beispiel erklären:
Die Jugendgruppe rT3 besetzt einen Bolzplatz. Tom und Timm vom Team T3 kommen vorbei, dürfen aber nicht mitspielen und sitzen traurig am Rand herum. Plötzlich taucht das gesamte Team T3 auf. Plötzlich sind Team T3 doppelt so viele Personen wie Team rT3, welches sich im Anblick der Übermacht lieber trollt und den Platz räumt.

Genauso verhält es sich an der Zelle: Bei einer kompetitiven Hemmung führt die Übermacht eines Stoffes zur Verdrängung eines anderen an der Zelle.

Wie geht man also vor?

Da T3 einen stark stimulierenden Effekt auf den Stoffwechsel hat und bei Überdosierung zu erheblichen Nebenwirkungen bis hin zu Herzrhythmusstörungen führen kann, sollte die Eindosierung vorsichtig erfolgen.

Am besten beginnt man mit einer Dosisaufteilung auf vier Gaben am Tag alle 3 Stunden. Zunächst sollte mit 5mcg pro Einzeldosis begonnen werden und die Gesamttagesdosis nicht höher sein als 20 µg. Wer ganz vorsichtig beginnen möchte, beginnt nur mit zwei Dosen á 5µg am Tag.
Manche Patienten kommen auch insgesamt über den ganzen Verlauf der reinen T3-Behandlung mit einer Aufteilung auf zwei Dosen pro Tag gut zurecht.

Bei hohen rT3-Werten steht dem Körper das T3 zunächst nur in geringem Maße zur Verfügung, hierdurch kann es erst mal zu einer deutlichen Verstärkung von Unterfunktionssymptomen kommen.

Bei Überfunktionssymptomen muss reduziert werden, bzw. zunächst geschaut werden, ob der Problematik andere Ursachen zugrunde liegen. In diesem Fall sollte zunächst auf die bisherige Medikation zurückgegangen und die Bekämpfung der obigen Problematiken vorgenommen werden, bevor mit einem erneuten Versuch begonnen wird.

Wird die Startdosis gut vertragen und hat sich das Aufteilen der Dosis sinnvoll eingespielt, so sollte nun langsam eine Dosissteigerung erfolgen. Alle 5-7 Tage wird die Dosis bei einer bestimmten Einnahme (zum Beispiel immer morgens) erhöht. Nach weiteren fünf Tagen erhöht man dann die nächste Dosis (zum Beispiel mittags). Pro Einzeldosis sollten nicht mehr als 20µg genommen werden. Bei Überfunktionssymptomen muss eine Reduktion der Dosis erfolgen.

Es sollten jeden Tag die Körpertemperatur und mehrmals tgl. der Blutdruck bestimmt werden, um den Zeitpunkt bestimmen zu können , an dem die Rezeptoren wieder frei werden und eine Dosisreduktion durchgeführt werden muss.

Die Körpertemperatur sollte nicht über 37,4°C  steigen. Bei Frauen sollte die Temperatur in der ersten Zyklushälfte bei ca. 36,8°C und in der zweiten Zyklushälfte bei 37,4°C liegen. Es sollten niemals Palpitationen (Herzrasen) auftreten. Der Blutdruck sollte stabil bleiben.

Bei den meisten Patienten stellt sich nach 8-12 Wochen eine deutliche Besserung ein. Nun kann wieder auf die vorherige Medikation umgestellt werden. Wird natürliches Schilddrüsenextrakt eingenommen, kann das bisher eingenommene T3 zum Start der Umstellung umgerechnet werden.

1 Grain NDT enthält meist 25µg T3 (Präparatdeklarierung beachten).

Insgesamt muss nach einer ausschließlichen T3 Behandlung eine erneute Dosisfindung stattfinden.

Ebenfalls wichtig zu beachten ist, dass sich nach einer ausschließlichen T3 Behandlung oft auch eine Nebennierenfehlfunktion verbessert. Daher kann es sein, dass eine Medikationsanpassung nötig wird.

Durch die Erhöhung der Stoffwechselrate erhöht sich auch der Eisenverbrauch. Bei bekanntem Eisenmangel sollte die tägliche Supplementdosis erhöht werden.
Ebenfalls erhöht ist der Bedarf an Selen und Jod.

Kontraindikationen:

  • Jegliche Erkrankungen des Herzens, v.a. Herzrhythmusstörungen
  • Epilepsien
  • Autoimmune Nebenniereninsuffizienz (Addison-Krankheit)

2. Die Versorgungslinie unterbrechen

Reverses T3 wird aus T4 gebildet, wenn der Körper sich vor einer Überlastung schützen will. Um die Nachbildung von T3 zu verhindern, muss also die externe Zufuhr von T4 unterbrochen werden.
Die Einnahme von T4 bei gleichzeitigem Fortbestehen der Ursachen für eine vermehrte Überführung in rT3 führen dazu, dass immer wieder in erhöhtem Maße rT3 nachgebildet wird. Die kompetitive Verdrängung ist dadurch stark erschwert.

Will man also das reverses T3 loswerden, sollte man dafür sorgen, dass der Zugang zu den Ersatztruppen aus T4 erheblich vermindert wird.
T4-enthaltene Präparate werden also abgesetzt. Zu beachten ist hierbei die lange Halbwertszeit von T4 von 5-8 Tagen, welche zur Behandlungsphase mit ausschließlichem T3 hinzugerechnet werden sollte.
Das neu produzierte rT3 selbst hat erfreulicherweise nur eine Halbwertezeit von ca. 4 Stunden, sobald es frei im Blut unterwegs ist und nicht mehr auf den Rezeptoren sitzt.

3. Beschleunigung der Elimenation und Unterstützung der Entgiftungsorgane

Niere:

Da rT3 sich nur ungern an Transportproteine bindet, kann es in deutlich höherem Maße über die Niere ausgeschieden werden als die aktiven Schilddrüsenhormone. Daher sollte für eine gute Durchspülung der Nieren gesorgt werden. Hierzu sollte ausreichend Salz aufgenommen werden (Vorsicht bei bereits bestehendem Bluthochdruck). Das überschüssige Natrium wird über die Nieren ausgeschieden, und Wasser sowie weitere Giftstoffe werden dabei mit ausgespült.

Es sollte ausreichend nach Durstgefühl getrunken werden. Für die richtige Menge gibt es keinen Richtwert, da dieser individuell sehr unterschiedlich sein kann.

Leber:

Wie im letzten Blogartikel zum Thema beschrieben, wir rT3 von der Leber in T2 umgebaut, welches dann nochmal stoffwechselaktiv genutzt werden kann, bevor es schließlich ausgeschieden wird.
Um diesen Umbau zu beschleunigen, sollte die Leber in ihren Funktionen unterstützt werden.
Im Wesentlichen läuft die Entgiftung in der Leber in zwei Phasen ab, die Details wären jedoch zu viel für diesen Artikel und bekommen einen eigenen.

Reverses T3 muss in Stufe 1 decarboxyliert und desaminiert werden, d.h. es werden bestimmte Stoffgruppen abgespalten. Diesen Prozess übernehmen Enzyme, die sogenannten Cytochrom-P450-Enzyme.
Um richtig funktionieren zu können brauchen diese v.a.:

  • Vitamin D
  • Eisen
  • Schwefel
  • Cystein (die Aminosäure besitzt auch eine Schwefelgruppe, so dass hier quasi 2 Fliegen mit einer Klappe erschlagen werden)

Sind alle Stoffe in ausreichender Menge vorhanden, kann die Gesamtaktivität der Enzyme mit Grapefruit beschleunigt werden.

In Stufe 2 braucht der Körper Gluthation und wiederum Cystein.
Hierbei finde ich es wichtig zu beachten, das Gluthation so gut wie keine orale Bioverfügbarkeit hat. Die Aufnahme hilft tatsächlich Spiegel zu erhöhen, dieser Effekt tritt aber wahrscheinlich durch die Aufnahme der für Gluthation nötigen Aminosäuren Glutamin, Gylcin und Cystein auf.
Um einen nachweislichen Effekt zu erzielen, sollte Gluthation intravenös verabreicht werden.

Der Gesamtprozess von Stufe 2 lässt sich mit Mariendistel beschleunigen und unterstützen.
Der aktive Stoff Silymarin sollte in einer Dosis von 250mg, verteilt auf 2 Einnahmen, aufgenommen werden. Da bestimmte Teile der Mariendistel eine xenoöstrogene Wirkung haben (ähnlich wie Östrogen), sollten Präparate mit dem isolierten Wirkstoff bevorzugt werden.

Und zuletzt:

4. Bekämpfung der Ursachen: In die Ecke, Besen, Besen!!

In der heutigen Zeit wird für alles eine Wunderpille propagiert. Die Behandlung zielt meist auf Symptome und nicht auf die Ursachen ab.
Daher bleibt der wichtigste Punkt selbst bei jenen, die bereits einen weiteren Blick auf die Dinge haben, häufig unbeachtet: „Was hat das Problem in erster Linie verursacht?“

Mögliche Ursachen:

  • Erhöhtes Cortisol durch chron. emotionaler Stress, autoimmune Reaktionen, chron. Infektionen, Insulinresistenz, Schlafmangel, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und „Leaky Gut-Syndrom“, Allergien
  • zuckerreiche und nährstoffarme Ernährung
  • vorangehender Überschuss an T3 durch erhöhtes Testosteron
  • Einnahme von Zytostatika und Immunmodulatoren (z.B. Interferon)
  • Östrogendominanz
  • Einnahme hormoneller Kontrazeptiva
  • Eisenmangel
  • Mangel an anderen Mikronährstoffen und Spurenelementen, v.a. Jod und Selen
  • a.m.

Gerade die selbstständige Ermittlung der Ursachen ist oftmals schwer, da einem selbst der Blick auf das große Ganze schwer fällt.
Wird jedoch die Ursache nicht bekämpft, hilft die schönste Verdrängung und Elimination nicht, denn das Problem wird immer wieder auftreten.

Haftungsausschluß:

Die vorangehenden Maßnahmen sollten nicht ohne die Überwachung durch einen Arzt durchgeführt werden. Die aufgeführten Maßnahmen sind Handlungsvorschläge und können individuell stark abweichen, daher können sie die Betreuung durch einen Arzt in keiner Weise ersetzen.

Quellen:

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Detlef Schuppan et al. (1998): ZFA, Heft 11/12
Hildebert Wagner und Markus Wiesenauer (2003): Phytotherapie, Stuttgart
Manfred Wiese, Mariendistel und Silymarin, Evidenz und Empfehlungen für die Praxis, 23. Schweizerische Tagung für Phytotherapie, Baden, 20. November 2008
Klinische Pathophysiologie – Siegentahler
Biochemie des Menschen – Löffler, Petrides

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Paul Robinson – Recovering with T3

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Autorin

Dr. Simone Koch

Simone Koch ist Expertin für Autoimmunerkrankungen. Sie beschäftigt sich mit Hashimoto, Darmerkrankungen und vielen unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen. Zusätzlich entwickelt sie neue Behandlungsansätze für Menschen mit Autoimmunerkrankungen.

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