Über den erhöhten Vitamin- und Mineralstoffbedarf bei Autoimmunerkrankungen

Dr. Simone Koch

Dr. Simone Koch

Expertin im Bereich der Autoimmunerkrankungen

Jahrelang ließ ich meinen eigenen Mineralstoff- und Vitaminhaushalt nie testen – schließlich ernährte ich mich so optimal wie eben möglich: Den größten Teil meiner Ernährung machte Gemüse (natürlich in Bio-Qualität) aus, ergänzt um einen kleinen Anteil an Obst. Im Gegenzug lag der Anteil an „leeren Nahrungsmitteln“, wie polierter Reis und weißes Mehl, bei nahe Null.

Sogar grüne Smoothies (mit einem Hochleistungsmixer zubereitet, was ja eine besonders gute Aufnahme der Mikronährstoffe gewährleisten soll) und Innereien waren ein wichtiger Anteil meiner Ernährung. Da sollte doch eine gute Versorgung gewährleistet sein! – dachte ich zumindest. Denn als ich meinen Haushalt doch einmal testen ließ, erwartete mich ein Schock …

Das Ergebnis war ziemlich einfach mit nur einem Wort zusammenzufassen: ROT!

Nahezu alle wichtigen Mineralstoffe und vor allem auch die B-Vitamine befanden sich im Mangel. Dazu war auch mein Eisenspiegel bedenklich niedrig. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, ich wäre bei einem Menschen mit solchen Ergebnissen von einer drastischen Fehlernährung ausgegangen.

Bei Autoimmunerkrankungen herrscht erhöhter Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen

Da ich selbst unter einer Autoimmunerkrankung leide, war das für mich der letzte, wenn auch sehr persönliche Beweis, dass es leider eben nicht möglich ist, seinen Nährstoffbedarf vollständig über die Ernährung zu decken, wenn die Dinge im Körper bereits nicht mehr optimal laufen.

Sind die körpereigenen Prozesse und Abläufe aus der Balance geraten, gelten andere Regeln als für gesunde Menschen, an denen die Empfehlungen zur empfohlenen Tagesdosis für Nährstoffe erhoben wurden. Das Feld der sogenannten Autoimmunerkrankungen ist dabei sehr weit und kann in der Gänze an dieser Stelle nicht aufgezählt werden, daher nur ein kleiner Überblick: Es reicht von chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen (z.B. Lichen ruber planus, Lichen sclerosus, kutane Sklerose und Lupus – die beiden letzteren können aber auch die inneren Organe betreffen) über  chronisch-entzündliche Erkrankungen im zentralen Nervensystem (z.B. Multiple sklerose), bis hin zu Erkrankungen einzelner Organe (hier seien als Beispiele die Autoimmune Gastritis, eine chronische, autoimmun-bedingte Magenschleimhautentzündung, Erkrankungen der Schilddrüse wie Hashimoto-Thyreoiditis und Morbus Basedow, sowie autoimmune Erkrankungen der Nebennieren(-rinde) wie die Nebennierenschwäche, -Fehlfunktion und –Insuffizienz sowie Morbus Addison genannt.) 

Auch eine Diabetes mellitus, Typ I ist meist autoimmunbedingt und zählt damit zu den Autoimmunerkrankungen. Diese Art der Erkrankung betrifft in erster Linie den Zuckerstoffwechsel, doch bringt sie zeitgleich weitere Probleme mit sich, denn die damit häufig einhergehenden, großen Blutzuckerschwankungen können selbst wiederum extreme Vitamin- und Nährstoffmängel bedingen.

Auch wenn das Feld der Autoimmunerkrankungen so weit reicht, für die allermeisten Betroffen gilt gemeinsam: An einigen Vitaminen und Mineralstoffen herrscht ein erheblicher Mehrbedarf, der nur schwer über die Ernährung zu decken ist, selbst wenn diese sehr nährstoffdicht gestaltet ist. Andere Stoffe werden nur wenig oder gar nicht vom Körper aufgenommen, da die aufnehmenden Darmabschnitte dauerhaft geschädigt sind oder die benötigten Transporter nicht in ausreichender Menge vorhanden sind – in diesen Fällen kann man noch so viel (oral) zu führen, es kommt einfach nicht an!

Im schlimmsten Fall kann dies zu so erheblichen Nährstoffmängeln führen, dass Symptome auftreten, die so ausgeprägt sind, dass sie die eigentliche Erkrankung weit in den Hintergrund rücken. Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Wie bei einer Patientin, die auf Grund schwerster Vitaminmängel psychotisch wurde und einen Selbstmordversuch beging. Zu ihrem Glück hatte der behandelnde Psychiater einen Angehörigen mit einer chronisch-entzündlichen, autoimmun-bedingten Darmerkrankung in der Familie – und so erkannte er die Symptome und konzentrierte sich daher nicht nur auf die vordergründigen, psychiatrischen. 

Er strebte umfangreiche Tests und Untersuchungen an. Nach Diagnose einer Zöliakie (absolute Unverträglichkeit von Gluten), der damit einhergehenden Ernährungsumstellung und einem hochdosierten Auffüllen der multiplen, schweren Nährstoffmängel, verschwanden die psychiatrischen Symptome umgehend. Bis heute traten diese auch niemals wieder auf.

Und obgleich wir es eigentlich durch Erkrankungen wie Beriberi, Skorbut und Rachitis und anderen Mängelerkrankungen, die im schlimmsten Fall alle mit dem Tod enden können, besser wissen sollten, wird die Wichtigkeit von Mineralstoffen und Vitaminen für ein reibungsloses Funktionieren unseres Körpers oft in Frage gestellt. Dem Patienten mit vagotonen Herzrhythmusstörungen wird dann lieber ein nebenwirkungsreiches Medikament verschrieben, statt den zu Grunde liegenden Magnesiummangel zu prüfen und zu behandeln.

Warum besteht gerade bei Autoimmunerkrankungen ein erhöhtes Risiko für Nährstoffmängel?

  1. Auch wenn die Ausprägung, je nach Art der Autoimmunerkrankung, verschieden stark sein kann, gehen sehr viele Autoimmunerkrankungen mit einer Erniedrigung der immunologischen Abwehr des Darms einher, welche das Risiko für Darmpermeabilitätsstörungen, das sogenannte „leaky gut“ stark erhöht.Beim „leaky gut“ werden Nährstoffe über den Darm sehr viel schlechter aufgenommen und gehen zusätzlich zum Teil auch retrograd (aus der Körper heraus) verloren. Hier gilt besonders: Auch bei guter Bereitstellung von Nährstoffen durch Nahrung und / oder Supplemente werden diese dann nur unzureichend in den Körper aufgenommen.
  2. Im Rahmen von Autoimmunerkrankungen treten häufig Nahrungsmittelintoleranzen und Nahrungsmittelallergien vom verzögerten Typ auf (Typ IV). Diese können eine ständige subklinische Entzündung des Darms bewegen: Die Symptome bei Betroffenen sind nicht so gravierend, dass die Person sich wirklich krank fühlt, aber die Entzündung reicht aus, um die Aufnahme von Nährstoffen nicht ausreichend zu gewährleisten.Besonders relevant sind hier der Zwölffingerdarm und das terminale Ileum (der letzte Teil des Krummdarms). Gibt es hier chronischen Entzündungen, kann es zu erheblichen Mängeln vor allem beim Eisen, aber auch bei Zink, Magnesium und Vitamin B12 kommen.
  3. Autoimmunerkrankungen gehen oft mit Begleiterkrankungen und genetischen Polymorphismen einher, die einen höheren Nährstoffbedarf bedingen. Beispiele hierfür wären die Hämopyrollurie, welche zu einem deutlich erhöhten Bedarf an Vitamin B6, Zink und Mangan führt, der COMT-Polymorphismus, bei dem z.B. vermehrt Vitamin C und B-Vitamine verbraucht werden oder auch die Histaminintoleranz.
  4. Eigentlich allen Autoimmunerkrankungen ist die Zerstörung von körpereigenem Gewebe gemein. Hierdurch wird unter anderem die Rate an körpereigenen Reparaturprozessen deutlich erhöht – und damit steigt wiederum der Bedarf an Aminosäuren und Mineralstoffen drastisch. Dies kann bei stark konsumierenden Erkrankungen wie Rheuma auch schnell bedenkliche Ausmaße annehmen. Die häufiger nötigen DANN-Reparaturen gehen mit einem deutlich erhöhten Bedarf an Zink einher.
  5. Bei Autoimmunerkrankungen kommt es häufiger zu Störungen bei den aufnehmenden Rezeptoren. Als Beispiel sei hier die Verwertung und Aufnahme von Vitamin D genannt. Bei vielen Autoimmunerkrankten ist der Bedarf massiv erhöht, im Gegenzug kann dieser aber auf normalem Wege durch die körpereigene Produktion (vor allem bei der heutzutage auf Grund der Lebensführung unzureichenden UV – Strahlen-Einwirkung auf der Haut) nicht ausreichend gedeckt werden.
  6. Die Ursache von Autoimmunerkrankungen ist multifaktoriell und ihr Auftreten wird durch bestimmte Faktoren begünstigt. Ein Faktor hierfür sind chronische Erkrankungen, die das dysfunktionale Immunsystem nicht in Schach halten kann. In Frage kommen sowohl verschiedene Virusinfektionen, sowie multiple Infektionen mit Bakterien und Einzellern. Fast alle diese Erkrankungen gehen mit einem erhöhten Nährstoffbedarf einher.
  7. Ebenfalls bei Autoimmunerkrankten deutlich häufiger anzutreffen als bei Gesunden sind Darmparasiten. Die Folgen sind gleich doppelt negativ: Zum einen verbrauchen diese Parasiten einen Teil der über die Nahrung zugeführten Nährstoffe für ihren eigenen Stoffwechsel, zum anderen führen sie zu einer chronisch-entzündlichen Reizung der Darmschleimhaut mit den oben bereits dargelegten Folgen einer erniedrigten Aufnahme der Nährstoffe in den Körper.

Und dies ist nur eine Auswahl der vielen Aspekte, die dazu führen, dass der Bedarf an Mikronährstoffen für einen chronisch Erkrankten erhöht ist und sich sehr schnell in einem ganz anderen Bereich bewegt, als dies beim Gesunden der Fall ist. Dies führt – auch ohne Diskussion, ob die heutigen Lebensmittel möglicherweise deutlich weniger nährstoffreich sind als früher – schnell dazu, dass selbst bei einer konsequent nährstoffdichten und organischen Ernährung zum Teil erheblichen Mängel auftreten.

Diese Mängel führen wiederum dazu, dass Reparaturprozesse im Körper nicht optimal durchgeführt werden können. Wenn dies den Darm betrifft, wird hierdurch die Mangelernährung wiederum verstärkt: Ein verhängnisvoller Kreislauf entsteht!

Natürlich ist auch die reine Supplementierung nicht die Lösung aller Probleme. Vor allem bei darmassoziierten Schwierigkeiten sollte das Ziel in erster Linie eine Abheilung der betroffenen Darmabschnitte und damit eine Verbesserung der Nährstoffaufnahme sein. Ohne einen adäquaten, zielgerichteten und individuellen Ausgleich von Mängeln werden diese Heilungsprozesse jedoch erheblich erschwert, weshalb eine Testung der wichtigsten Mikronährstoffe und eine zielgerichtete Behandlung von Mängeln meiner Meinung nach, zur Behandlung einer Autoimmunerkrankung standardmäßig dazugehören sollte.

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Autorin

Dr. Simone Koch

Simone Koch ist Expertin für Autoimmunerkrankungen. Sie beschäftigt sich mit Hashimoto, Darmerkrankungen und vielen unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen. Zusätzlich entwickelt sie neue Behandlungsansätze für Menschen mit Autoimmunerkrankungen.

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