Autoimmunerkrankungen und Magensäuremangel

Dr. Simone Koch

Dr. Simone Koch

Expertin im Bereich der Autoimmunerkrankungen

Autoimmunerkrankte haben sehr oft auch mit der Magensäure und mit dem Magen Schwierigkeiten. Gerade was Schilddrüsenerkrankungen angeht, also gerade bei Hashimoto-Thyreoiditis, geht es mit einer ganz hohen Häufigkeit, von in etwa 40 Prozent, mit einer Autoimmun-Pangastritis einher.

Warum ist das so?

Der Körper bildet Antikörper gegen die Belegzellen des Magens aus und zerstört diese. Das ist völlig schmerzfrei – also bei den meisten zumindest kann es sein, dass man einfach gar nichts davon merkt – und erst die Folgen, die daraus entstehen, sind bemerkbar. Aber die Autoimmunreaktion selbst merkt man erst einmal gar nicht, wobei man ja sagen muss, auch meistens merkt man an der Schilddrüse primär erst einmal nichts. 

Manche bemerken ein leichtes Drücken und Brennen aber ansonsten eher nichts. Und so ist das auch beim Magen. Also primär merkt man erst einmal nichts davon. Und das ist einer der Hauptgründe, warum bei Autoimmunerkrankungen eben so oft Probleme mit der Magensäure auftreten.

Ein weiterer Grund ist, dass so etwas eben beim Magen chronisch immunologische Entzündungen der Schleimhaut auslösen kann, also Reaktionen auf bestimmte Lebensmittel wie zum Beispiel sehr häufig Gluten aber auch extrem häufig Milch oder Eier. Das, was im Darm dann zu einem Lymphozyten-Einstrom und zu einer leichten granulomatösen Entzündung in der Darmschleimhaut führt, das kann eben auch im Magen stattfinden und führt dann auch zu einer schlechteren Funktion des Magens, nämlich zu einer schlechteren Funktion der Belegzellen. Und die Belegzellen – das sollte ich vielleicht dazusagen – die produzieren die Magensäure.

Nebenbei produzieren die Belegzellen noch etwas anderes, das relativ wichtig ist, nämlich Intrinsic-Faktor. Intrinsic-Faktor ist der Stoff, der an Vitamin B12 binden muss, damit dann später im Dünndarm das Vitamin B12 aus dem Darm aufgenommen werden kann. Ohne Intrinsic-Faktor keinerlei Vitamin B12-Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt. 

Das heißt, jemand, der eine Autoimmun-Pangastritis oder eine chronische Entzündung der Magenschleimhaut durch immunologische Reaktionen hat, ist extrem dafür prädestiniert auch einen B12-Mangel zu entwickeln, zum Teil auch einen schweren B12-Mangel. Das wiederum kann eine besonders große Rolle im Citrat-Zyklus spielen. Also in der Kette, in der die Energie in unserem Körper produziert wird, spielt B12 eine extrem entscheidende Rolle.

Wenn B12 nicht vorhanden ist, dann findet eine Succinyl-Malat in Succinyl-Fumarat-Umwandlung nicht statt und dann fällt als Abfallprodukt Methylmalonsäure an. Das heißt, Methylmalonsäure ist der sicherste Parameter, der anzeigt, ob in der Zelle, im Citrat-Stoffzyklus wirklich genug B12 da ist, um die Reaktion möglich zu machen und um die komplette Kette des Citrat-Zykluses zu ermöglichen und den Citrat-Zyklus nicht mittendrin abzubrechen, weil nicht genug B12 da ist. Also das für einen B12-Mangel intrazellulär in der Energieproduktion Methylmalonsäure der wichtigste Parameter ist.

Wozu führt die Zerstörung der Belegzellen zunächst?

Belegzellen sind also nicht mehr ausreichend vorhanden und damit auch keine Magensäure. Zum einen führt das bei sehr vielen Patienten dazu, dass der Magen nicht richtig schließt. Das heißt, der PH des Magens muss unter einen gewissen Wert fallen, damit die Kardia (Verschluss des oberen Magens) richtig schließt. Denn das ist eine physiologische Reaktion. Es gibt da sozusagen einen Messfühler, der fühlt, ob der Magen sauer genug ist und der schließt dann erst, wenn der PH unter einen gewissen Wert fällt, was üblicherweise im Magen immer sein sollte. Übrigens nicht zu Verwechseln mit dem Magen-Pförtner, das ist der untere Verschluss des Magens.

Der Magen muss extrem sauer sein. Wenn es in der Speiseröhre so sauer wäre wie im Magen, würde es stark brennen, Schmerzen verursachen und alles zerfressen. Weil das zwei unterschiedliche Epithelien sind. Das eine ist ein Zylinder- und das andere ist ein Plotten-Epithel. Und die Speiseröhre darf nicht von Magensäure berührt werden, egal wie wenig es auch ist. Auch wenn sie deutlich erniedrigt ist, bei Berührung tut es weh.

In die Speiseröhre gehört einfach keine Magensäure. Das ist immer ein Zeichen dafür, dass irgendetwas nicht funktioniert.

Ist der PH also über 1,6, verschießt die Kardia nicht mehr richtig und die Magensäure, die im Magen ist – auch wenn sie eigentlich viel zu wenig ist – steigt nach oben. Und wie eben schon gesagt ist das extrem unangenehm. Teilweise führt das zu massiven Schmerzen, ein typisches Symptom ist auch ständiger Husten, insbesondere starker morgendlicher Husten. Das können starke, unangenehme und auch sehr explosive Hustenattacken sein, die ein Zeichen für einen stillen nächtlichen Reflux sein könnten. 

Das ist ein typisches Symptom, stiller Refluxösophagitis. Es ist ein Risiko irgendwann im Leben Speiseröhrenkrebs zu entwickeln. Also ungünstig für den Patienten und sollte auf jeden Fall etwas dagegen unternommen werden. 

Was wird üblicherweise gemacht? Man gibt ein Protonpumpen-Inhibitor und reduziert einfach die Magensäure-Produktion komplett. Das hilft zwar – die Beschwerden mit dem Reflux werden weniger – aber das ursprüngliche Problem, dass es nämlich schon vorher zu wenig Magensäure war, das wird dadurch natürlich überhaupt nicht behoben. Und die anderen Probleme, die durch zu wenig Magensäure auftreten, die werden dadurch natürlich noch viel massiver.

Probleme, die durch zu wenig Magensäure auftreten

Mineralstoffe sind üblicherweise in Nahrungsmitteln. Also wenn wir zum Beispiel Süßkartoffeln essen oder bei Kakaobohnen, da ist das ganz stark so, die haben ganz viel davon, hier sind die Anti-Nährstoffe gebunden wie zum Beispiel die Phytin-Säure. Und diese Bindung an die Anti-Nährstoffe führt dazu, dass der Darm sie nicht aufnehmen kann.

Um die Mineralstoffe von den Anti-Nährstoffen abzuspalten, braucht es Magensäure. Es braucht also ein sehr saures Milieu, um diese Verbindung zwischen Anti-Nährstoff und Nährstoff spalten zu können.

Und das ist einer der Gründe, warum zum Beispiel – obwohl sie da recht viel von aufnehmen – Veganer oft Mängel entwickeln von Stoffen, von denen sie eigentlich sehr viel essen, weil die vegane Ernährung leider zu wenig Eiweiß enthält, zu einer drastischen Reduzierung der Magensäure-Produktion führt und dann oft dazu führt, dass Nährstoffe nicht mehr ausreichend aufgenommen werden können, weil sie aus den Anti-Nährstoffen nicht ausgespalten werden. 

Das heißt, selbst wenn man seine Gemüseaufnahme massiv steigert, kann es trotzdem leider sein, dass man davon überhaupt nicht profitiert. Dass man überhaupt keine Nährstoffe daraus aufnimmt, weil nicht genug Magensäure vorhanden ist. Das heißt, auch eine sehr lange Protonpumpen-Inhibitoren-Therapie kann zu massiven Nährstoffmängeln führen, kann damit auch Osteoporose-Risiko fördern, weil zu wenig Kalzium aufgenommen wird. 

Kalzium ist ein ganz wesentlicher Nährstoff, der an Phytin-Säuren bindet. Magnesium bindet ganz stark an Phytin-Säuren. Chrom ist ein ganz großer Punkt. Also es gibt eine ganze Menge Stoffe. Durch diese Mikronährstoff-Mängel können eben wieder hormonelle Störungen auftreten, Energiestoffwechselstörungen und so weiter.

Eiweißspaltung ist auch ein besonders wichtiger Punkt. Die Magensäure ist ganz entscheidend mit dafür verantwortlich, dass wir Eiweiße gut verdauen können. Magensäure und Pepsin, was auch da schon mit produziert wird. Auch das funktioniert dann deutlich schlechter. Eiweiße – haben wir ja schon in dem Protein-Beitrag besprochen – sind super entscheidend und wichtig. 

Und deswegen sollte man die natürlich auch zu sich nehmen können und dann müssen sie auch verdaut werden können. Und dafür ist eben auch die Magensäure unheimlich wichtig und mit entscheidend, damit die langkettigen Proteine einzeln gespalten werden können.

Ganz wichtig auch, wenn man bestimmte Unverträglichkeiten hat. Alles, was schon im Magen in seine Einzelteile gespalten werden kann, kann später als Protein keine Reaktion mehr auslösen.

Nehmen wir zum Beispiel Avenin. Avenin ist das Prolamin – das Lectin des Hafers. Stellen dir Avenin als Kette vor. Und sagen wir mal, du verträgst Avenin nicht besonders gut vom Darm her (immunologisch) aber du hast eine super Magenproduktion und Magensäure, dann macht dein Magen schon im Magen aus dieser Proteinkette viele kleine Stückchen und dann ist es kein Avenin mehr. Dann sind es nur noch Stücke von Avenin, die hoffentlich dann eben keine Reaktion mehr auslösen. Wir betrachten jetzt erst einmal ein einfaches Beispiel, denn grundsätzlich können die Avenin-Einzelstücke noch Reaktionen auslösen.

Magensäure hilft demnach auch Unverträglichkeiten zu reduzieren. Und dann, wenn der supersaure PH im Mageninhalt in den Dünndarm fällt, dann ist das das Zeichen für die Bauchspeicheldrüse, ihre ganzen Enzyme auszuschütten. Weil die Enzyme der Bauchspeicheldrüse und das, was die Bauchspeicheldrüse macht, eher basisch ist. Es ist eher so, dass das ausgeglichen wird und dass es eben auch superscharf ist aber auf der Laugen-Ebene. Und das gleicht diesen starken sauren Mageninhalt aus. 

Und wenn kein saurer Mageninhalt aus dem Magen kommt, dann wird auch die Bauchspeicheldrüsen-Funktion ganz stark eingeschränkt. Also die exokrine Funktion des Pankreas – die exokrine Bauchspeicheldrüsen-Funktion – ist dann zu gering. Es werden zu wenige Verdauungsenzyme ausgeschüttet. Und das kann wiederum dazu führen, dass Nährstoffe, Mineralstoffe und Vitamine nicht richtig aufgenommen werden und vor allen Dingen auf Seiten der Makronährstoffe die Verdauung nicht richtig funktioniert. 

Wenn das nicht richtig funktioniert, wenn zum Beispiel die Kohlenhydrate nicht vernünftig gespalten werden, weil Amylase nicht in ausreichender Menge da ist, dann kann es wiederum dazu kommen, dass zu lange Kohlenhydrat-Ketten bis in den Dickdarm vordringen und dort von Bakterien ganz stark verdaut werden. Bakterien, die da eigentlich nicht hingehören, sich ganz stark vermehren, und dass das wiederum dann dazu führt, dass es eine Dysbiose gibt.

Dieser ganz extreme, saure Magenbrei ist eine gewisse Barriere, damit Bakterien nicht aus dem Magen absteigen können. Bakterien, die wir gegessen haben oder die über schlechtes Essen zu uns gekommen sind, dass die nicht in den Dünndarm kommen. Der Dünndarm sollte eigentlich weitestgehend bakterienfrei sein. Der hat eine ganz geringe Besiedelung. 

Und wenn diese Magen-Barriere fehlt, dann können Bakterien da hinkommen, die da sonst nie hingekommen wären, siedeln sich an und können zum SIBO (Small intestinal bacterial overgrowth) führen, also zu einer Überbesiedelung des oberen Dünndarms mit Bakterien, die da überhaupt nichts verloren haben und die dann wiederum Nährstoffmängel hinsichtlich Makronährstoffen und Mikronährstoffen verursachen können (Blähungen, Völlegefühl, Schmerzen und Ähnliches).

Was kann man unternehmen?

Zum einen ist es natürlich wichtig – wie bei allen anderen Autoimmunerkrankungen auch – eine Remission anzustreben, dass keine weiteren Antikörper gegen die Belegzellen des Magens ausgebildet werden und diese sich erholen können. Der Magen ist ein hochregeneratives Epithel (Gewebe) und das kann auch nachwachsen. Das oberste Ziel sollte also sein, dass sich das wieder erholt. So kann man nach einiger Zeit wieder darauf verzichten etwas von außen einzunehmen. es ist wichtig die Trigger herauszufinden.

Häufigste Trigger sind auf Nahrungsmittelseite Gluten und Milch. Ganz wichtig: ausreichend B12 zuführen. Zumindest eine Zeit lang über Spritzen oder Sublingual, wobei ich immer Spritzen bevorzugen würde. Das soll zu einem Ausgleich der Magensäure führen.

Ein unheimlich wichtiger Hinweis: Sodbrennen ist kein Zeichen von zu viel Magensäure, sondern von zu wenig. Wenn man unter der Aufdosierung mit Magensäure Sodbrennen bekommt, heißt das, jetzt ist endlich wieder genug Magensäure da, damit eine Reaktion stattfindet. Vorher war quasi fast überhaupt nichts da aber noch nicht genug, damit der Magen schließt. Das heißt, man sollte sich dann trauen, wirklich mit der Dosis noch einmal ein ganzes Stückchen nach oben zu gehen.

Kontraindikation für Magensäure, auch ganz wichtig, regelmäßige Schmerzmitteleinnahme mit NSAR, Aspirin, Ibuprofen oer Diclofenac und die Einnahme von Hydrocortison oder anderen Cortisol-Ablegern wie zum Beispiel Prednison oder ähnliches. Dann darf man keine Magensäure nehmen.

Es gibt keinen richtigen, tauglichen Test. Es gab früher die sogenannte Heidelberger Sonde, die hat man geschluckt und dann wurde der PH direkt im Magen gemessen. Das wäre auch die sinnvollste Bestimmung, gibt es aber leider so gut wie gar nicht mehr. Was es immer noch gibt, ist eine PH-Tagesmessung. 

Hier findet eine Messung über den ganzen Tag statt, nachdem man eine Sonde geschluckt hat. Das wird aber nur noch ganz selten gemacht. Etwas, das tatsächlich am validesten ist, dass man mal versucht, eins, zwei Tabletten Magensäure zu nehmen. Und wenn man keinerlei Symptome hat, ist davon auszugehen, dass einem Magensäure fehlt. Also das wird tatsächlich wirklich auch empfohlen als wichtigster Test.

Darf man Ibuprofen und Magensäure nehmen? Nein, lieber nicht. Weil das die Entwicklung von Geschwüren fördern kann.

Das Präparat, mit dem man Magensäure zuführen kann, heißt übrigens Betain HCL und ist eigentlich immer mit Pepsin kombiniert. Betain HCL plus Pepsin. Es gibt üblicherweise die Dosierung 250 und 650 Milligramm. Ich würde gegebenenfalls beides kaufen, damit man eine differenzierte Aufdosierung machen kann.

Und wichtig ist zu wissen: Einige, die wirklich einen massiven Magensäure-Mangel haben, nehmen bis zu sieben Gramm am Tag davon, also wirklich von den 650ern dann zehn Stück um ausreichend dosiert zu sein. Ziel ist herauszufinden, was die Ursache ist und das dann zu verbessern, damit man es nicht mehr nehmen muss. Das kann sonst teuer werden.

Wenn man das Problem hat, dass man bestimmte Medikamente zum Überleben braucht und deswegen Magensäure-Blocker nehmen muss, dann befindet man sich da in einer Zwickmühle, gegen die man nur ganz schwer irgendetwas unternehmen kann. Was man natürlich versuchen könnte ist, in ganz besonders kleinen Schritten auszuschleichen und zu schauen, ob man irgendetwas anderes tun kann.

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Autorin

Dr. Simone Koch

Simone Koch ist Expertin für Autoimmunerkrankungen. Sie beschäftigt sich mit Hashimoto, Darmerkrankungen und vielen unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen. Zusätzlich entwickelt sie neue Behandlungsansätze für Menschen mit Autoimmunerkrankungen.

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