Blutzuckerschwankungen bei Autoimmunerkrankungen

Dr. Simone Koch

Dr. Simone Koch

Expertin im Bereich der Autoimmunerkrankungen

Im letzten Beitrag Schilddrüse und Angstzustände kam ich immer wieder auf den Blutzucker zu sprechen. Deshalb steige ich heute direkt ins Thema ein mit der Frage: Warum spielt Blutzucker bei Autoimmunerkrankungen so eine große Rolle?

Die zwei Masterhormone Insulin und Leptin

Es gibt zwei Masterhormone, die für den Blutzucker zuständig sind. Das ist zum einen Insulin und zum anderen Leptin. Beide spielen auch im Entzündungsstoffwechsel eine große Rolle. Wenn der Körper leptinresistent oder insulinresistent ist, dann ist die Lage für proinflammatorische Reaktionen problematisch beziehungsweise im Falle einer chronischen Entzündung, also wenn der Körper chronisch entzündet ist, kommt es zu Insulin- und Leptinresistenzen.

Hier gibt es eine paradoxe Situation. Es führt dazu, dass Menschen mit chronisch entzündlichen Erkrankungen, wozu eben auch die Autoimmunerkrankung gehören, häufiger Probleme mit Kohlenhydratverwertungsstörungen haben. Das bedeutet zum einen, wenn sie Kohlenhydrate zu sich nehmen, kommt es mehr als bei anderen zu einem massiven Anstieg des Blutzuckerspiegels und zum anderen kommt es schneller zu Hypoglykämien in Folge einer überschießenden Insulinreaktion.Wenn ein Betroffener größere Mengen Kohlenhydrate zu sich nimmt, kann es erst sein, dass dieser einen heftigen Blutzuckerpeek hat. Das muss man sich so vorstellen, als würde man Öl ins Feuer gießen, man feuert den Körper also nochmal richtig an.

Was passiert da jetzt genau? Die Mitochondrien werden überladen mit Glucose, der Citratzyklus läuft zu schnell und in diesem Rahmen tritt viel oxidativer Stress auf, was problematisch ist und was die Autoimmunerkrankung oder die Autoimmunreaktion noch einmal ordentlich anfeuern kann. Das ist natürlich äußerst ungünstig. Und zum anderen wird in der Folge dann überschießend Insulin ausgeschüttet, das wiederum zu einer Hypoglykämie führt, die reaktiv für eine Ausschüttung von Stresshormonen sorgt. Insbesondere Cortisol aber vor allen Dingen auch sehr viel Adrenalin. Es kommt dann häufig zum „hangry“ Gefühl, dass man richtig aggressiv ist und teilweise Gewalttendenzen hat. Die Aggressionen sind ein typisches Symptom einer Hyperglykämie, die vom Körper durch Stresshormone ausgeglichen werden muss.

Diese Hypoglykämie zu erwischen ist ganz ganz schwierig. Dazu müsste man einen ganz kleinen, kurzen Moment erwischen, in dem der Körper sich dann wirklich hypokglyken zeigt. In den meisten Fällen tut man es nicht und das ist auch der Grund, warum Patienten oder Menschen berichten, sie haben ganz viel mit Unterzucker zu tun. Sanitäter rollen dann immer mit den Augen, weil man eigentlich nie wirklich Unterzuckerzustände hat, außer man ist diabetisch, sondern der Körper reguliert sofort gegenüber der Nebenniere und sorgt dafür, dass wieder Zucker ausgeschüttet wird und dass alles wieder halbwegs in Ordnung ist. Das ist ein Regelkreislauf. Das Problem ist, dass es sich nicht gut anfühlt, wenn man in diesen Zuständen ist – ganz klar.

Die gute Nachricht ist, mit der Zeit, wenn man quasi ausheilt, dann wird die Toleranz dafür viel besser.

Ich hatte das ja vor einiger Zeit schon mal erwähnt, dass ich aktuell einen Versuch mit intermittent Fasting mache. Bis vor kurzem für mich noch undenkbar. Inzwischen kann ich tatsächlich Fastenintervalle von etwa elf Stunden halten, ohne dass ich diese Probleme habe. Für viele ist das aber zu Beginn sehr schwierig, gerade wenn man große Probleme mit Kohlenhydratverwertungsstörung und mit Blutzuckerschwankungen hat. Dann werden meistens längere Phasen, in denen nichts gegessen wird, überhaupt nicht toleriert. Das war bei mir auch so. Ich hatte dann extreme Zittrigkeit, das Gefühl von fast umkippen, sehr großes Aggressionspotential und hohe Genervtheit. Das ist inzwischen nicht mehr so. Und das berichten auch viele Betroffene, dass je besser das alles für sie wird (je stabiler sie werden), desto eher können sie auch längere Fastenphasen tolerieren.

Tipps, um den Blutzucker in den Griff zu kriegen

Zunächst sollte man häufiger essen. Kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt und nicht so große Mahlzeiten zu sich nehmen. Je größer insgesamt die Mahlzeit und je schlimmer die Insulinresistenzen sind, desto eher reagiert der Körper auch negativ auf egal was man isst, also auch auf große Mengen von Proteinen. Das heißt, man versucht mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag zu verteilen. Ich arbeite oft am Anfang mit sechs Mahlzeiten, also mit drei etwas größeren und drei kleinen Zwischenmahlzeiten. Wenn man kein Problem damit hat, längere Phasen nichts zu essen, ist das eine gute Sache. Bitte versteht diese Aussage jetzt nicht so, dass das nicht gut ist, den Mitochondrien eine Pause zu gönnen, dem Magen-Darm-Trakt eine Pause zu gönnen, das ist total gut und wichtig aber wenn es eben für dich im Augenblick noch nicht funktioniert, dann ist es wichtig zu schauen, dass du dauerhaft mit Energie versorgt bist und gleichzeitig aber nicht solche extremen Peeks auslöst, wo der Blutzucker so nach oben schießt.

Ein ganz wichtiger Punkt ist Frühstück und deswegen mache ich das auch mit dem intermediate Fasting so, dass ich gut frühstücke. Ich stehe sehr früh auf und entsprechend dann nach 11 Stunden nehme ich wieder die nächste Mahlzeit zu mir als Abendbrot. Warum ich nicht mein Abendbrot esse und dann das Frühstück entsprechend hinausschiebe? Das ist der Hintergrund: Morgens ist der Cortisolspiegel am höchsten. Das heißt, die Ausschüttung an Stresshormonen ist am höchsten und dadurch sind wir besonders empfindlich für diese Blutzuckernebennierenreaktionen und es kommt sehr schnell zu negativen Feedbackkopplungen, die dann dazu führen können, dass man zu schnell in den Unterzuckerzustand reinkommt. Die Nebenniere wird überlastet, die Systeme haben nicht genug Energie zur Verfügung und man fühlt sich einfach schlecht. Insofern ist das Frühstück besonders wichtig und man sollte nach Möglichkeit nie weglassen. Zu beachten ist, dass das Frühstück nicht aus Haferbrei mit Apfel, Brötchen mit Marmelade oder Cornflakes mit Milch bestehen sollte, sondern nach Möglichkeit aus vielen Proteinen mit Fett und mit einer kleinen Menge Kohlenhydraten – wenn man es denn möchte beziehungsweise gut verträgt. Hier sollte man ausprobieren was für einen besser passt. Ich persönlich komme am besten klar, wenn ich morgens schon eine starke Quelle esse – also morgens schon ein paar Kohlenhydrate drin habe. Wobei das ganz wenig ist. Das kann zum Beispiel eine drittel Banane oder eine winzig kleine Kartoffel sein. Für manche geht es aber besser, wenn sie morgens überhaupt keine Stärke essen. Das muss man ausprobieren.

Auch eine gute Möglichkeit sind Eier, wenn man diese gut verträgt. Gut vorbereiten lassen sich zum Beispiel Hackbällchen mit sehr vielen Kräutern wie Petersilie, Koriander, Minze oder Basilikum. Das ist eine gute Frühstücksmahlzeit. Dazu kann man ein bisschen grünes Blattgemüse essen. Das ist eine super Variante für die AIP-Phase. Da ich sehr früh aufstehe und sehr früh anfange zu arbeiten, bereite ich mein Frühstück immer vor.

Solltest du histaminintolerant sein und hast aber trotzdem dieses Problem, dass du sehr früh aufstehen musst und dein Frühstück eigentlich vorbereiten möchtest, dann hier mein Tipp: friere es ein und lege es dann abends, am besten in die Nullgradzone im Kühlschrank, so dass es ganz sanft auftaut und du es morgens essen kannst. Durch die niedrige Temperatur findet relativ wenig Histaminbildung statt und es funktioniert dann eigentlich ganz gut. Ansonsten gibt es die Schockmethode. Einfrieren, rausnehmen, super schnell auftauen und dann verzehren, das geht auch. Leider schmeckt es nicht so gut und es gehen auch relativ viele Nährstoffe verloren.

Im Laufe des Tages sollte dann auch jede Mahlzeit immer alle Komponenten enthalten und vor allen Dingen auch immer Proteine und Fett. Kohlenhydrate gehen sehr schnell ins Blut und sehr schnell wieder raus. Eine Mahlzeit mit recht vielen Kohlenhydraten und wenig drumherum führt eben, selbst bei jemandem, der völlig fit ist, zu heftigen Blutzuckerschwankungen und bei jemandem, der sowieso stoffwechseltechnisch eingeschränkt ist erst recht. Das sollte immer ausgeglichen werden. Wenn man nicht ständig Fleisch essen will, ist ein guter, vielleicht nach Möglichkeit veganer Proteinshake, den man dann einfach mit dem Essen zu sich nimmt.

Wenn man darüber nachdenkt „Was habe ich früher gegessen?“ werden im Wesentlichen oft Snacks gegessen, die fast nur aus Kohlenhydraten bestehen. Also Klassiker wie das belegte Brötchen, Müsli und Cerealien. Müsliriegel, die man sich zwischendurch reinschiebt, sind extrem kohlenhydratlastig und verursachen schlimme Blutzuckerpeeks und dann gleich wieder runter.

Mahlzeiten, die man gut vorbereiten kann

Ein Klassiker – wenn man keine Histerminintoleranz hat, ist ein Beef Jerky. Das am besten auch selber machen! Da gutes Beef Jerky teuer und nicht immer überall zu kaufen ist, lohnt es sich, dieses selber zuzubereiten. Es schmeckt auch besser und man weiß, woher das Fleisch kommt. Das wäre zum Beispiel eine gute Möglichkeit, die man sich in die Tasche stecken kann und als Snack dabei hat. Ich backe häufig eine Art Frühstückskuchen mit Süßkartoffel und Ei. Den kann man auch sehr gut in einer Tupperdose transportieren und zwischendurch essen (wenn man Eier verträgt). Wer gut Kokos verträgt, kann sich auch eine Art Müsliriegel herstellen. So hat man, wenn man den noch mit Proteinpulver anreichert, auch einen Riegel für zwischendurch, wo alles drin ist.

Ganz wichtig: ausreichend Schlaf

Schlaf greift ein in den Hormonstoffwechsel von Insulin, Leptin und Ghrelin. Wenn man zu wenig geschlafen hat, wird sehr viel Ghrelin ausgeschüttet. Das ist ein Hungerhormon, das auch zu diesem „hangry“ Gefühl führen kann. Ganz extrem kenne ich das aus den Nachtdiensten. Wer also Schicht arbeitet, kennt das und nachts, ab irgendwie drei Uhr, rennt man eigentlich nur noch herum und sucht sich Schokolade und würde einfach alles essen, was einen zwischen die Finger kommt. Es gibt ein Buch über einen jungen Assistenzarzt, der schleckt den Honig aus den Packungen, den es auf seiner Station gibt. Ungenügender Schlaf ist ein extremes Problem und man sollte sehr drauf achten, dass man ausreichend Schlaf bekommt.

Im letzten Beitrag Schilddrüse und Angstzustände kam ich immer wieder auf den Blutzucker zu sprechen. Deshalb steige ich heute direkt ins Thema ein mit der Frage: Warum spielt Blutzucker bei Autoimmunerkrankungen so eine große Rolle?

Koffein meiden!

Koffein führt zu einem Antrieb von Cortisol und hält es die nächsten fünf Stunden im Körper drin. Gleichzeitig regt es die Leber zu einer erhöhten Gluconeogenese an. Beides ist ungünstig für die Blutzuckerstabilität. So schwer es auch fällt, Kaffee besser weglassen, wenn du schwerwiegende Probleme mit Blutzuckerschwankungen hast. Vor allen Dingen morgens! Wenn man im Laufe des Tages, so wie ich jetzt einen netten, gemütlichen socialising Kaffee trinkt, finde ich das okay. Ich persönlich finde auch nichts schmeckt wie Kaffee und wenn das für einen selbst so eine wichtige soziale Komponente und eine seelentröstende Variante ist, ist das in Ordnung. Gut ist, wenn man es mal eine Phase lang ohne Kaffee versucht. Also wirklich auch mal mehrere Wochen ohne Kaffee. Was ich auch gemacht und festgestellt habe, dass es mir sehr sehr gut getan hat und dass ich inzwischen wieder so ein oder zwei Kaffee am Tag ganz gut toleriere. Wichtig ist, dass man nicht in die alten Verhaltensweisen zurückfällt und dann doch wieder enorm viel Kaffee trinkt.

Achte darauf, welche Lebensmittel für dich problematisch sind

Bestimmte Nahrungsmittelintoleranzen können auch diese Blutzuckerpeeks verursachen. Milch ist ein großer Faktor. Sie hat eine parodox-insulinotrope Wirkung, das hat unter anderem damit zu tun, dass das in der Milch gebildete Casiomorphin, Beta-Casiomorphin als Lektin an unseren Zellen wirkt und die Wirkung von Insulin imitiert und dadurch dann eine insulinartige Wirkung entsteht. Die Zellen, die Glucose aus dem Blut tun und es reaktiv zu einer Hypoglykämie kommt mit den Folgen, die ich bereits am Anfang des Beitrages beschrieben habe. Milchprodukte sind für sehr viele ein Problem in der Stabilisation vom Blutzuckerspiegel.

Wenn du immer wieder Phasen hast, wo du extrem „hangry“ bist und du isst noch Milchprodukte, dann versuche es einmal ohne. Vor einem Jahr, waren Milchprodukte für mich noch ein ganz großer Trigger von Blutzuckerschwankungen, gefolgt von extremer Aggression und Genervtheit.

Man sollte nach Möglichkeit keine Lebensmittel mit ganz hohem glykämischen Index essen, wobei ich das immer so ein bisschen schwammig finde. Theoretisch ist es durchaus möglich, auch ein Lebensmittel zu essen, das einen hohen glykämischen Index hat, wenn man es mit entsprechend Fett und Proteinen ausgleicht und du davon keine riesigen Mengen isst. Zum Beispiel hat Schnittlauch einen ganz hohen glykämischen Index, weil er sehr viel Glucose enthält. Aber kein Mensch isst 120 Gramm Schnittlauch am Tag. Besser ist es von einer großen Süßkartoffel ein ganz kleines Stück zu essen und ganz viele andere Zutaten zuzufügen.

Achte darauf, welche Lebensmittel für dich problematisch sind

Das kann ich jedem nur empfehlen! Besorgt euch für eine Weile ein Blutzuckermessgerät und schaut, gerade wenn solche Zustände bestehen in denen du dich extrem schlecht fühlst (sehr müde, erschöpft, niedergeschlagen, aggressiv oder genervt) – wie das mit deinem Blutzucker korreliert. Ein günstiges Blutzuckergerät gibt es so für 20,00 Euro. Meistens gibt es ein paar Teststreifen und einen langen Zettel dazu, so dass man zumindest für eins, zwei Monate mal versuchsweise ein Bisschen messen kann. Das funktioniert ganz gut.

Man soll oben in die Fingerbeere stechen (wird gesagt) aber das ist sehr schmerzhaft und sehr unangenehm, man kann durchaus in die Seite von der Fingerbeere stechen, da läuft das Blut auch tendenziell ein bisschen besser und das ist bei Weitem nicht so schmerzhaft, wie wenn man in die Mitte der Fingerbeere sticht.

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Autorin

Dr. Simone Koch

Simone Koch ist Expertin für Autoimmunerkrankungen. Sie beschäftigt sich mit Hashimoto, Darmerkrankungen und vielen unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen. Zusätzlich entwickelt sie neue Behandlungsansätze für Menschen mit Autoimmunerkrankungen.

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