Hashimoto-Thyreoiditis und Gewicht

Dr. Simone Koch

Dr. Simone Koch

Expertin im Bereich der Autoimmunerkrankungen

Eines der Hauptsymptome bei einer Schilddrüsenunterfunktion ist in vielen Fällen die Gewichtszunahme.

Wie und warum kommt es überhaupt zu diesen Gewichtszunahmen?

Ich selbst achte schon sehr lange auf eine gesunde Ernährung. Ich habe mich schon immer extrem viel mit Ernährung auseinandergesetzt und habe schon alle möglichen Ernährungsformen versucht. Ich ernährte mich eine zeitlang vegan, lange Zeit vegetarisch und habe sämtliche Diäten ausprobiert. Eine bewusste Ernährung war für mich schon immer wichtig, daher habe ich auch eine ganze Weile Cleaneating und im Anschluss Paleo gemacht und war damit eigentlich auch ganz zufrieden. Ich war schlank, durchtrainiert und sportlich.

Und plötzlich kam die Schilddrüsenerkrankung und ich wurde peu á peu immer schwerer.

So ist das dann bei den meisten. Man wird nicht innerhalb von Tagen deutlich schwerer, obwohl dies bei manchen schon vorkam, das wird aber durch Wasser verursacht. Es kann im Rahmen einer Schilddrüsenunterfunktion zu massiven Wassereinlagerungen und übermäßiger Gewichtsveränderung kommen. Es können sich Ödeme bilden, die enorme Auswirkungen haben können.

Bei der TV-Sendung “The biggest Looser” gab es in der letzten Staffel ein junges Mädchen, das in der ersten Woche 12 kg an Gewicht verloren hat. Das war natürlich kein Fett, sondern Wasser. Sie hatte vermutlich aufgrund heftiger hormoneller Störungen massive Wassereinlagerung, die sie dann im Rahmen einer Ernährungsumstellung verloren hat. Vielleicht wurde sie auf eine Paleo-Style-Ernährung umgestellt, wie Felix Klemme sie empfiehlt, und hat möglicherweise kein Gluten mehr zu sich genommen. Jemand, der sich in diesem hohen Gewichtsbereich aufhält, hat sicherlich auch eine Schilddrüsenunterfunktion und hat vielleicht auch irgendwelche Nahrungsmitteltrigger. Das kann die Ursache gewesen sein, warum dann plötzlich dieses ganze Wasser aus ihrem Körper herausgespült wurde.

Stoffwechselreduktion – ein Grund für übermäßige Gewichtszunahme

Richtig ist, dass eine Schilddrüsenunterfunktion den Stoffwechsel reduziert. In nicht ganz so schlimmen Fällen um etwa 10 Prozent und um ca. 15 Prozent in schwerwiegenden Fällen. Mit einem um 15 Prozent reduzierten Stoffwechsel funktioniert eigentlich gar nichts mehr. Da fallen beispielsweise die Haare aus und man ist völlig lethargisch, antriebslos, depressiv und fühlt sich eigentlich so gut wie tot. Das macht sich drastisch bemerkbar.

Eine Reduzierung des Stoffwechsels von 5, 8 oder 10 Prozent verursacht zwar auch kleine Veränderungen und Symptome wie Kälteintoleranz, trockene Haut und Haare, möglicherweise Haarausfall aber es ist erst einmal nicht so signifikant.

Als Beispiel: Bei einer Frau meiner Körpergröße und einer 10-prozentigen Stoffwechselreduktion ist das ungefähr ein halber Schokoladenriegel. Abgesehen davon, dass man das mit einer Hashimoto-Thyreoiditis nicht essen sollte, ist das aber auf den ersten Blick nicht viel. Einen halben Schokoladenriegel mehr oder weniger am Tag, macht das so ein riesen Unterschied? Auf Anhieb würde man denken: nein. Wenn das aber jeden Tag dazukommt, dann macht es einen gravierenden Unterschied. Denn dann macht das pro Monat ungefähr ein bis anderthalb Kilo, nach einem Jahr hat man plötzlich 15, 18 Kilo mehr und nach anderthalb Jahren können das 20, 25 Kilo und mehr sein. Tendenz dabei natürlich steigend. Irgendwann jedoch kommt es zu einem Stillstand, weil der große schwere Körper plötzlich so viel mehr Energie braucht, dass es sich wieder ausgleicht. Allerdings ist der Stillstand der Gewichtszunahme dann eben auf einem deutlich höheren Niveau. Bei mir waren es fast 30 Kilo.

Die zweite wichtige Ursache ist die Antriebslosigkeit, auch Fatigue genannt. Man hört auf, sich zu bewegen. Also auch T3. Ich hatte mal einen Partner, der eine latente Schilddrüsenüberfunktion hatte. Er war extrem schlank trotz ständiger Nahrungsaufnahme. Er hat sich aber auch rund um die Uhr bewegt. Er hat viel herumgezappelt und immer mit den Füßen gewackelt. Er konnte ständig die Treppe rauf und runter und es hat ihm überhaupt nichts ausgemacht, weil er mit seinem überschüssigen T3 irgendwo hin musste.

Und wenn man eben deutlich zu wenig Schilddrüsenhormone hat, führt das zu einer Antriebslosigkeit. Da ist dann der Leistungsumsatz entsprechend reduziert, was ich auch aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Ich war zum Teil so erschöpft, dass ich wirklich nichts anderes gemacht habe als mich nach der Arbeit auf das Sofa zu legen und fernzusehen weil ich für nichts anderes mehr Kraft hatte. Ich war zu kraftlos zu kochen, um Sport zu treiben und manchmal schaffte ich es nicht einmal die Kinder ins Bett zu bringen. Ich war so zu Tode erschöpft, dass ich das Gefühl hatte, mir fehlen für diese Dinge komplett die Kraft und natürlich bewegt man sich dann fast gar nicht mehr. Man versucht dann jede zusätzliche Bewegung im Alltag zu vermeiden, dadurch sinkt der Leistungsumsatz drastisch und das wiederum kann dann zu einer schnellen und massiven Gewichtszunahme führen.

Nur die Stoffwechselmedikation allein führt nicht zur Gewichtsabnahme

Leider kommt es dann oft zu einem Trugschluss. Denn wenn man eine adäquate Behandlung bekommt um den Stoffwechsel wieder zu normalisieren, bedeutet das nicht, dass man das dazugekommene Gewicht automatisch wieder verliert sobald der Stoffwechsel wieder normal läuft. Häufig haben sich Gewohnheiten eingeschlichen wie mangelnde Bewegung und kein Sport. In manchen Fällen wurden die guten Gewohnheiten über Bord geworfen und es hat sich möglicherweise durch die ständige Entzündung eine ungesunde Ernährung eingeschlichen.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die durch die Autoimmunerkrankung entstandenen Entzündungsprozesse im Körper, die bei vielen den Cortisonstoffwechsel erhöhen, bringen uns dazu, viele ungesunde, zuckerhaltige und fettige Nahrungsmittel zu essen. Dinge, die unsere Energiebilanz auf sehr ungünstige Weise verschieben.

Und wenn man sich diese Ernährungsgewohnheit beibehält, dann wird es entsprechend mit der Gewichtsabnahme wieder problematisch. Die Gewichtszunahme basiert also nicht nur auf einer Stoffwechselreduktion, sondern auch auf schlechten Gewohnheiten wie mangelnde Bewegung und ungesunde Ernährung. Eine reine Stoffwechselverschiebung führt dann meisten nicht zur Gewichtsabnahme. Und mit jedem Kilo, das man zunimmt wird es schwerer sich zu bewegen. Auch die Lust auf Bewegung wird dann immer weniger, was ich persönlich auch erlebt habe. Jeder Spaziergang und jede Strecke, die man zu Fuß zurücklegt, wird zur massiven Anstrengung, die man nach Möglichkeit versucht zu vermeiden.

Früher bin ich einem Hobby nachgegangen und habe gern an Live-Rollenspielen teilgenommen. Meine Rolle war eine Kriegerin und dementsprechend hatte ich eine Rüstung, die 27 Kilo wog. Mit solch einer Rüstung bewegt man sich dann nach Möglichkeit gar nicht mehr. Kleinste Bewegungen wollte ich vermeiden, weil ich eben diese ganzen Rüstungsteile bewegen musste. Und genau das gleiche ist es im Prinzip auch wenn man 30 Kilo zu viel auf den Rippen hat. Die Motivation sich zu bewegen ist deutlich reduziert weil es schlichtweg extrem anstrengend ist. Oftmals ist auch die Muskelmasse zusätzlich reduziert weil die chronische Inflammation (silent inflammation) zum Verlust der Muskelmasse führt. Das reduziert wiederum den Stoffwechsel weil Muskulatur den Stoffwechsel am meisten anregt und den Grundumsatz erhöht. Wenn also das auch noch wegfällt, dann kommt man irgendwann an einen Punkt, dass eine reine Schilddrüsenmedikation nicht mehr ausreicht.

Wie viele vielleicht wissen, habe ich es mit unserem Abnehmprogramm, das ich mit Hilfe von Coaches speziell für Hashimoto-Thyreoiditis entwickelt habe, geschafft. Vielleicht ist das auch für dich eine gute Möglichkeit, schau es dir einfach mal an! Es ist speziell für Menschen mit Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis abgestimmt und ich kann ziemlich sicher versprechen, dass es funktioniert – wenn man sich daran hält – und dir einen großen Vorteil bringt.

Ich finde es sehr wichtig zu verstehen, welche Veränderung im Körper vorgeht und genauso wichtig ist es, es für sich zu verinnerlichen und sich klarzumachen, dass man es in letzter Instanz selbst in der Hand hat. Es ist wichtig, dass man es nicht einfach nur hinnimmt, sondern dass man es akzeptiert und mit dem Bewusstsein lebt, dass dieses Los nicht bis zum Ende aller Tage gilt.

Ich war auch schon an diesem Punkt, an dem ich all meine Klamotten entsorgt und meine Garderobe komplett ausgetauscht hatte in weite, luftige Kleidung um mich darin wieder etwas wohler zu fühlen. Ich hatte mich meinem Schicksal ergeben.

Aber es ist sehr wichtig, sich klar zu machen, dass es eben kein von Gott gegebenes Schicksal ist, sondern dass man durchaus etwas an der Situation ändern kann.

Gesundheitliche Aspekte von Übergewicht

Es ist möglich, dass man 30, 40 Kilo Übergewicht auch wieder verlieren kann. Dabei muss man sich seine Ziele nicht klein setzen, sondern die Studienlage zeigt eindeutig, dass es viel motivierender ist in einen Bereich zu kommen, wo man auch die Ergebnisse sieht und das sollte man auch anstreben. Gegenargumente aus Studien, die vor 50 Jahren durchgeführt wurden und einfach gerne von der Fat Acceptance Bewegung zitiert werden, sind mittlerweile widerlegt. Und darauf liegt auch mein Augenmerk. Natürlich sollte sich jeder in seinem Körper wohlfühlen. Und wenn du dich trotz Übergewicht in deinem Körper wohl fühlst, dann ist das toll. Selbstverständlich kann man auch mit etwas mehr Gewicht sehr schön aussehen aber es hat einfach für die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis zahlreiche negative Werte.

Das Fettgewebe ist inflammatorisch (entzündlich) aktiv. Dadurch, dass es im Fettgewebe zu vielen kleinen Nekrosen kommt, die ständig Entzündungen auslösen, triggert es immer wieder die Erkrankung. Insulinresistenzen und Leptinresistenzen werden ausgelöst. Beides sind Masterhormone, die sich auf alle anderen Hormone in unserem Körper auswirken und auch für die Schilddrüsenfunktion extrem ungünstig sein können. Extrem erhöhter Bedarf an Schilddrüsenhormonen:

Je mehr Gewebe (Masse) du hast desto höher ist dein Bedarf an Schilddrüsenhormonen und desto stärker wird deine ohnehin schon geschädigte und angestrengte Schilddrüse noch zusätzlich angestrengt und belastet.

Das heißt, wenn du ein Gewicht im unteren BMI Bereich hast, kann es sein, dass deine kranke und etwas belastete Schilddrüse das noch schaffen würde, aber wenn du zum Beispiel 30 Kilo zu viel hast, dann schafft sie es definitiv nicht.

Dazu kommt die Hormonproduktion. Fettgewebe ist hormonaktiv. Über 80 Hormone werden im Fettgewebe produziert. Es wird im Fettgewebe dafür gesorgt, dass Hormone anders umgeschiftet werden. Steroidhormonbindendes Globulin, ein Stoff, der die ganzen Geschlechtshormone in unserem Körper bindet. Aber auch unspezifische Schilddrüsenhormone werden bei Übergewicht deutlich vermehrt gebildet und sorgen dafür, dass die nicht in die Wirkung kommen können. Trotz einer guten Produktion wird keine Wirkung erzielt. Testosteron wird durch Fettgeweben stark vermehrt in Östrogen umgewandelt, weshalb auch übergewichtige Männer oft einen Libidoverlust erleiden, stärker zu Depressionen neigen und vieles mehr. Depressionen, Angststörungen und weitere psychische Erkrankungen treten bei Übergewicht häufiger auf, wahrscheinlich auch ausgelöst durch hormonelle Verschiebung und der dauerhaft stillen Entzündung, die durch Fettgewebe ausgelöst wird.

Dies sind multiple, gesundheitliche Aspekte, die relevant und gravierend sind. Und das finde ich ist einfach das Entscheidende. Es geht nicht darum, ob du oder die Gesellschaft dich schön findet. Entscheidend ist, ob es dir gesundheitlich gut geht. Ob du Kraft hast, ob du Energie hast, ob du Durchsetzungsvermögen hast und dein Leben wieder anpacken und so leben kannst, wie du dir das einmal vorgestellt hast. Dies sind die erstrebenswerten und wirklich wichtigen Dinge. Ich persönlich finde, dass das Gewicht dabei ein ganz großer Faktor ist. Weil 30 oder 40 Kilo Übergewicht mit sich herumzuschleppen, da ist es einfach schwer. Agil, dynamisch und voller Antrieb zu sein, energetisch zu sein, ist mit Übergewicht anstrengend.

Mach dir klar, dass du nicht das Opfer bist. Du kannst etwas tun, wenn du den Willen hast. Begib dich auf diesen Weg und mach dir aber auch klar, dass es nicht darum geht ob deine Mitmenschen dich schön finden, sondern, dass es darum geht, dass du dich in dir wohl fühlst und zu deinem Wohlbefinden zurückfindest. Denn der Schlüssel zur Heilung bist in letzter Instanz immer du selbst.

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Autorin

Dr. Simone Koch

Simone Koch ist Expertin für Autoimmunerkrankungen. Sie beschäftigt sich mit Hashimoto, Darmerkrankungen und vielen unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen. Zusätzlich entwickelt sie neue Behandlungsansätze für Menschen mit Autoimmunerkrankungen.

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