Habe ich eine Schilddrüsenfehlfunktion?

Dr. Simone Koch

Dr. Simone Koch

Expertin im Bereich der Autoimmunerkrankungen

Mein Beitrag Schilddrüse und Angstzustände hat bei euch viele Fragen zu den Schilddrüsenwerten hervorgerufen. Heute gehe ich auf genau diese Fragen ein: Habe ich eine Schilddrüsenfehlfunktion? Wie finde ich ich das heraus? Was sollte ich alles bestimmen lassen? Was bedeuten diese Werte? Gibt es Spezialwerte, die keine allgemeinen Fragen beantworten können?

Welche Schilddrüsenwerte gibt es und was bedeuten sie?

Der Klassiker TSH.

TSH steht für Thyreoidea stimulierendes Hormon. Es wird nicht in der Schilddrüse produziert, sondern wirkt lediglich auf die Schilddrüse. Das TSH wird in der Hypophyse, in der Hirnanhangsdrüse, produziert. Das heißt, es ist eigentlich ein Hirnhormon und eben kein Schilddrüsenhormon.

Damit TSH produziert wird, muss dieses wiederum stimuliert werden von TRH, Thyrotropin Releasing Hormone. Dieses wird vom Hypothalamus (ein Abschnitt des Zwischenhirns) produziert. Das heißt, wir haben einen dreifachen Feedback-Mechanismus – die Schleife ist: Hypothalamus, Hypophyse, Schilddrüse. Und innerhalb dieser Schleife kann es Störungen geben. Es kann sein, dass der Hypothalamus eine Störung hat, die Hypophyse eine Störung hat oder eben eventuell auch eine Störung zwischen Hypophyse und Schilddrüse vorliegt. Aber es kann auch sein, dass der Körper gar nicht will, dass die Schilddrüse vernünftig arbeitet und deswegen kein TSH ausgeschüttet wird.

Das heißt, der TSH gibt relativ wenig Botschaft darüber, was die Schilddrüse tatsächlich tut und das ist auch das große Problem.

Es gibt eine ganze Menge von Schilddrüsenstörungen, die sich auf den TSH auswirken, die aber, wo der TSH nicht damit korreliert, wie viel die Schilddrüse arbeitet. Man nutzt den TSH klassisch dafür, um eine Schilddrüsenunterfunktion zu diagnostizieren – also bei der klassischen, jodbedingten Schilddrüsenunterfunktion. Bei der Schilddrüsenunterfunktion, die durch einen Jodmangel bedingt ist, geht der TSH sehr nach oben. Auch bei der Hashimoto-Thyreoiditis, da ist auch wichtig, TSH über sieben bedeutet immer, die Hypophyse schreit die Schilddrüse an, sie soll doch gefälligst was tun und die Schilddrüse hat so ziemlich alle Viere von sich gestreckt und tut nicht mehr so richtig etwas. Das bedeutet, ob der TSH nun bei 77 oder 700 ist, das macht nicht mehr so den riesigen Unterschied, sondern zeigt einfach an, dass die Schilddrüse nicht so arbeitet, wie der Körper sich das vorstellt und wie sie arbeiten sollte.

Jetzt gibt es aber eine ganze Menge Sachen, die sich auf den TSH auswirken und dazu führen, dass der TSH niedrig oder normal ist, ohne dass die Schilddrüsenwerte gut sind. Zum Beispiel, kann eine Grippe, Influenza, oder ein Virus dazu führen, dass der TSH sehr niedrig ist, weil der Körper gar nicht möchte, dass der Stoffwechsel schnell läuft und das dazu führt, dass die freien Schilddrüsenwerte trotzdem unterirdisch schlecht sind. Sehr häufig tritt sowas auch bei bestimmten Nahrungsmittelintoleranzen auf oder wenn der Körper sich in chronischem Stress befindet. Leaky Gut, Darmpermeabilitätsstörungen und Lektinintoleranzen können auch dazu führen, dass der TSH niedrig ist, obwohl die Schilddrüsenwerte schlecht sind und das nennt sich dann Euthyroid-Sick-Syndrom.

Relativ bekannt ist das in der Veterinärmedizin. Die arbeiten mit diesem Begriff schon sehr lange. Leider relativ unbekannt ist dies in der Humanmedizin, weil das eben nur durch die Bestimmung des TSHs, selbst wenn der normal ist, man eben nicht rausfinden kann, ob die Schilddrüse eventuell doch nicht vernünftig arbeitet.

Wichtig also: Das Thyreoidea stimulierende Hormon (TSH) ist ein Hirnhormon, was noch keine direkte Aussage über die Funktion der Schilddrüse gibt, weil es bestimmte Störungen gibt, bei der der TSH niedrig und normal ist, die Schilddrüse aber dennoch nicht arbeitet. Übrigens ist die Bestimmung der freien Hormone noch gar nicht so lange möglich und deswegen ist der TSH immer noch der Goldstandard.

Die freien Hormone fT3 und fT4

Hier ist ganz wichtig zu wissen, dass fT4 das Hormon ist, welches in der Schilddrüse produziert wird. In etwas 95 Prozent der in der Schilddrüse produzierten Hormone ist fT4. Im Wesentlichen wird fT3 peripher umgesetzt und produziert, ca. 5 Prozent von der Schilddrüse. Das sind die Werte, die gemessen werden. Entscheidend ist das aktive Hormon, was unser Körper nutzt um einen Stoffwechsel zu machen, ist fT3.

Das zweite wichtige Hormon zur Stoffwechselregulation: T2

Das zweite wichtige Hormon, was unser Körper zur Stoffwechselregulation nutzt, ist das T2. Eine Messung von T2 ist meines Wissens nach nicht möglich. Ich weiß, dass Dr. Löffler in einem Vortrag bei der Paleo Convention gesagt hat, er misst T2. Ich habe bei diversen Hormonlabors angefragt und keins gefunden, was T2 messen kann. Falls jemand eins weiß, schreibt mir es gerne eine E-Mail.

T2 ist ganz ganz wichtig für die Körpertemperatur. Das kennen sicher viele von euch, wenn nicht ausreichend T2 da ist, dann ist die Körpertemperatur zu niedrig. Ebenfalls ist T2 sehr wichtig für die Gewichtsregulation. Aktuell wird T2 relativ viel in klinischen Studien verwendet. Es ist zu erwarten, dass das die nächsten Jahre irgendwann kommt. Seit 2015 wird daran geforscht. Bis jetzt ist es aber für den normalen Markt noch nicht erhältlich und wenn man sich selber T2 zuführen will, geht das nur in Form von Schilddrüsenextrakt, wo aber alle Schilddrüsenhormone drin enthalten sind.

Gesamthormone T3 und T4

Man kann den gesamt T3 und T4 bestimmen lassen, das wird aber in Deutschland normalerweise nicht gemacht. In Österreich und in der Schweiz kommt es häufiger vor, dass die Gesamthormone bestimmt werden. Da ist ganz ganz wichtig sich bewusst zu machen, das dies keine Aussage ist, wie viel an freien Hormonen (fT3 und fT4) tatsächlich da ist. Wenn ich jetzt genau wissen will, ich habe T3 und T4, wie viel ist denn tatsächlich frei und es vielleicht ein bisschen Probleme gibt, dass es mal besser, mal schlechter ist, oder eine Gewichtszunahme eingetreten ist, dann ist es ganz nützlich Thyreoglobulin zu bestimmen.

Thyreoglobulin

Thyreoglobulin ist das Transportprotein für die Schilddrüsenhormone. Es sorgt dafür, dass das produzierte T4 auch zum Ziel transportiert werden kann. Thyreoglobulin kann eine Aussage darüber machen, wie viele Hormone gebunden werden. Auch hier kann es hilfreich sein, dieses bestimmen zu lassen. Vor allen Dingen dann, wenn man starke Schwankungen in den Werten hat. Also wenn die Werte super sind und unter der gleichen Medikation dann wieder total schlecht. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass am Thyreoglobulin liegt.

SHGB

SHGB bindet ebenfalls unspezifische Schilddrüsenhormone. Gerade wenn man starke Schwankungen in den Werten hat und diese zyklusbedingt sind, dann sollte man den SHGB mit bestimmen lassen.

reverses T3

Und als letzter, auch noch ganz wichtiger Wert, ist das reverses T3 zu nennen. Beim Euthyroid-Sick-Syndrom ist der Grund, warum der TSH so niedrig ist, obwohl das freie T3 so schlecht ist, das reverses T3. Dieses wirkt auch mit supprimierend auf den TSH, wird vom Körper aber nicht genutzt und blockiert langfristig die Schilddrüsenhormone.

In welchem Bereich sollten sich die Werte bewegen?

Beim einer gesunden Person sollte der TSH irgendwo um eins liegen. Unter einer klassischen Schilddrüsenmedikation mit reinem T4, sollte der TSH auch irgendwo um eins liegen, wenn die freien Werte dann gut sind. Unter einer kombinierten Therapie mit T3, und das ist ganz wichtig, wenn man dann auch noch ein Schilddrüsenextrakt nimmt wo T2 mit drin ist, ist der TSH supprimiert. Das liegt daran, dass vor allen Dingen das T2 im Schilddrüsenextrakt eine ganz starke TSH supprimierende Wirkung hat. Es gibt eine ganze Menge Studien dazu, was T2 so macht und T2 wirkt ganz stark supprimierend auf den TSH. Das heißt, wenn ich eine kombinierte Medikation nehme, dann geht der TSH ganz weit runter.

Ein TSH von 3,9 ist funktionell zu hoch, da gibt es aber verschiedene Meinungen zu. Die meisten Labore geben einen TSH bis 4,5 als normal an. Mann muss aber sagen, wenn man ein gesundes Klientel untersucht, dann ist das deutlich zu hoch.

Wenn man keine Schilddrüse hat oder Schilddrüsenkrebs hatte, dann ist anzustreben, dass der TSH supprimiert ist, also das der TSH super niedrig ist und die freien Werte möglichst gut. Warum? Weil auf keinen Fall, das eventuell noch vorhandene Restschilddrüsengewebe stimuliert werden sollte.

Fragen und Anmerkungen zum Thema Schilddrüsenfehlfunktion aus dem Live-Video

Kann jede Form von chronischem Stress zum Euthyroid-Sick-Syndrom führen?

Genau, jede Form von akutem Stress, auch Übertraining, eine krasse Diät, langfristig unterkalorische Ernährung, massiver Stress, ein Todesfall, das alles kann ein Euthyroid-Sick-Syndrom auslösen oder eben irgendeine andere chronische, entzündliche Erkrankung.

Meine Schilddrüse ist nur 1,6 cm groß, ist aber gesund. Ist das möglich?

Ja, das ist im Prinzip möglich. Also ich habe zum Beispiel eine Patientin mit einer Schilddrüsenaplasie, das heißt, sie hat überhaupt keine Schilddrüse, sie wurde ohne Schilddrüse geboren. Sie hat lediglich noch ein bisschen restliches Schilddrüsengewebe unterhalb des Zungenbeins und bis zu ihrem 26. Lebensjahr reichten diese Parzellen aus, um sie halbwegs ausreichend mit Schilddrüsenhormonen zu versorgen. Also auch eine sehr kleine Schilddrüse kann noch ganz gut Schilddrüsenhormone produzieren. Sie gibt aber meistens irgendwann im Laufe des Lebens auf und es hängt halt sehr davon ab, wie groß und schwer der Mensch ist. Also eine sehr kleine Frau kommt damit eventuell aus, ein großer starker Mann eher nicht.

Was sagt die höhe der Antikörper aus (TRAK,TPO)?

Das Thema Antikörper betrifft eher die Hashimoto. Wir haben zum einen das TPO (Thyreoperoxidase-Antikörper), was bedeutet, dass die, das Enzym in der Schilddrüse, das ein Hormon ins andere konvertiert, angegriffen wird. Zum anderen haben wir das TRAK (Thyreoglobulin-Antikörper), wo das Transportprotein in der Schilddrüse angegriffen wird. Beides ist problematisch. Grundsätzlich, wenn die Antikörper erhöht sind, finden autoimmune Reaktionen statt. 

Es kann aber sein, dass es niemals zu einer tatsächlichen Erkrankung kommt. Es kann sein, dass so viel Schilddrüsengewebe zerstört wird, dass es tatsächlich Symptome gibt aber ich würde immer empfehlen, wenn man erhöhte Antikörper hat, Maßnahmen zu einem „autoimmunen Lifestyle“ zu ergreifen, damit das besser wird.

Was muss ich tun, damit der TSH runter geht – Selen nehmen?

Wenn die Schilddrüse nicht mehr ausreichend arbeiten kann, dann muss man Schilddrüsenhormone nehmen. Dann kann es sein, dass ein Jodmangel besteht und dann muss Jod substituiert werden. Selen nützt nichts um den TSH runter zu bringen und die Schilddrüsenfunktion zu verbessern, da Selen primär erstmal nichts mit den Schilddrüsenhormonen zu tun hat. 

Selen wird verwendet und benötigt, um die Umsetzung der einzelnen Schilddrüsenhormone in der Schilddrüse machen zu können und verhindert hier, dass das dabei anfallende Wasserstoffperoxid zu Zerstörungen, zu Problemen und zu oxidativem Stress führt. Es ist daher schon sehr wichtig, vor allen Dingen wenn eine Autoimmunerkrankung vorliegt. Aber, es hat nichts direkt mit der Schilddrüsenfunktion zu tun. Selen ist also nicht die Lösung, um den TSH-Wert runter zu bringen.

Mich würde interessieren, wie ich die „Werte“ bezahlt bekomme – bei manchen Ärzten übernimmt die Kasse – andere meinen ich müsste selbst bezahlen.

Die Kasse bezahlt Schilddrüsenwerte wie folgt: den TSH einmal im Quartal und alle anderen Schilddrüsenwerte nur, wenn eine Vorerkrankung vorliegt. Man hat kein Recht auf die Kostenübernahme. Wenn man einen netten Arzt hat, der das freundlicherweise macht, dann ist das super aber die Kasse bezahlt grundsätzlich nur den TSH und das auch nur einmal im Quartal. 

Auch Antikörper werden nur einmal im halben Jahr bestimmt und auch nur wenn man eine Prädisposition in der Familie dafür hat. Das ist blöd, aber es ist leider so. Einmal Schilddrüsenwerte komplett, also TSH, fT3, fT4, kosten 33,00 Euro. Die Reverses T3 Bestimmung kostet etwa 38,00 Euro und ist nie eine Kassenleistung.

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Autorin

Dr. Simone Koch

Simone Koch ist Expertin für Autoimmunerkrankungen. Sie beschäftigt sich mit Hashimoto, Darmerkrankungen und vielen unterschiedlichen Autoimmunerkrankungen. Zusätzlich entwickelt sie neue Behandlungsansätze für Menschen mit Autoimmunerkrankungen.

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